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2026: Von KI-Experimenten zu verantwortungsvoller Automatisierung

Dr. Martina Burgetsmeier
Dr. Martina Burgetsmeier |

2026 markiert für viele Unternehmen einen Wendepunkt im KI-Einsatz, weil GenAI, Automatisierungsplattformen und agentische Systeme zunehmend reale Geschäftsprozesse steuern: von der Dokumentenverarbeitung über Serviceprozesse bis hin zu Analyse- und Entscheidungsabläufen.

Damit verschiebt sich der Fokus weg von der technischen Machbarkeit hin zu einer praktischen Frage: Wo entsteht konkreter Nutzen? Und wie lassen sich Steuerung, Verantwortung und Risiko organisatorisch verankern? Für CIOs, CDOs, IT-Leitung und Fachbereiche wird 2026 damit zum Entscheidungsjahr.

1. Warum 2026 kein weiteres „KI-Jahr“ ist, sondern ein Entscheidungsjahr

Die meisten Unternehmen haben erste GenAI-Experimente gestartet: interne Chatbots, Textzusammenfassungen, erste Automatisierungen in Support oder Backoffice. Doch viele dieser Lösungen bleiben isoliert – sie laufen neben ERP, CRM oder DMS ohne tief integriert zu sein.

Gleichzeitig wächst der Druck:

  • Plattformanbieter wie Microsoft, OpenAI, Google oder Anthropic liefern immer mehr modular nutzbare Bausteine und agentische Funktionen.
  • Neue Schnittstellen und Protokolle wie MCP oder Agent-to-Agent-Kommunikation (A2A) beschleunigen den Aufbau hochflexibler Ökosysteme und erhöhen damit nicht nur die Möglichkeiten, sondern auch Abhängigkeiten und Komplexität.
  • Regulatorische Vorgaben (z. B. EU AI Act) erhöhen die Anforderungen an Nachvollziehbarkeit, Kontrolle und Risikosteuerung.

Für Entscheider bedeutet das:

Abwarten ist inzwischen genauso riskant wie unkoordinierter Aktionismus. Wer KI lediglich ergänzt oder beschleunigt, ohne Steuerung, Verantwortlichkeiten und Eingriffsmechanismen mitzudenken, läuft Gefahr, entweder den Anschluss zu verlieren oder Systeme zu etablieren, deren Wirkung und Risiken sich später nur noch begrenzt gestalten lassen.

 

2.  Den neuen technischen Stack verantwortungsvoll orchestrieren: GenAI trifft Workflows und Agenten

Die Herausforderung für Unternehmen besteht nun darin, KI nicht nur einzusetzen, sondern gezielt zu steuern: Prozesse so zu gestalten, dass Automatisierung echten Mehrwert liefert, während Steuerung, Kontrolle und Verantwortlichkeiten klar verankert bleiben.

GenAI als Entscheidungs- und Orientierungsschicht über Daten und Prozessen

Große Sprachmodelle entwickeln sich vom Chat-Assistenten zur Entscheidungs- und Orientierungsschicht über Daten und Unternehmensprozessen. Sie analysieren, strukturieren, interpretieren und übersetzen Informationen kontextbezogen.

Der Fokus verschiebt sich von individuellem Prompting hin zu strukturierten Aufgabenmodellen.   Wiederkehrende, klar definierte Tätigkeiten, die sich sauber in Prozesse einbetten lassen, etwa:

  • Eingangsrechnungen klassifizieren und plausibilisieren
  • Service-Tickets vorqualifizieren und priorisieren
  • Texte, E-Mails oder Dokumente auf Basis von Unternehmensrichtlinien vorschreiben
  • Daten aus verschiedenen Quellen konsolidieren und für Entscheidungen aufbereiten

Für IT und Enterprise-Architektur heißt das:

GenAI wird nicht als isolierter Chatbot gedacht, sondern als klar definierter Dienst mit Schnittstellen, Rollen und Verantwortlichkeiten.

Für Fachbereiche heißt das:

Statt „Magie“ entsteht ein Werkzeug, das konkrete Arbeitsschritte erleichtert. Innerhalb bekannter Prozesse und Systeme.

 

Workflow-Orchestrierung mit n8n & Co.: Steuerbare Automatisierung

Damit GenAI im Unternehmensalltag wirkt, braucht es Orchestrierung. Plattformen wie n8n verbinden APIs, Datenquellen, KI-Modelle und Unternehmenssoftware zu durchgängigen, ereignisgesteuerten Workflows.

Technisch bedeutet das:

  • Ereignisgetriebene Automatisierung statt individueller Skripte: Ein neuer Auftrag, ein eingehendes Dokument oder ein Ticket kann ganze Ketten an Aktionen anstoßen.  
  • Sauberes Zusammenspiel von Systemen: CRM, ERP, DMS, SAP, Fachanwendungen und KI-Komponenten greifen über definierte Schnittstellen ineinander.
  • KI wird zu einem klar begrenzten Schritt im Workflow: etwa für Klassifikation, Analyse, Vorschlagsgenerierung oder Qualitätsprüfung.

Organisatorisch hat das einen entscheidenden Vorteil:

Verantwortung wird explizit modelliert. In den Workflows ist sichtbar, wer entscheidet, wo KI Vorschläge macht, wo Regeln den Prozess stoppen und wo Menschen eingreifen.

Gerade visuelle Workflows helfen dabei, Governance und Steuerung praktisch umzusetzen:

  • Abläufe werden für IT, Fachbereich und Compliance gleichermaßen nachvollziehbar.  
  • Kontroll- und Freigabepunkte lassen sich klar definieren und dokumentieren.  
  • Änderungen sind versionierbar und auditierbar: ein wichtiger Punkt im Kontext von EU AI Act und Revisionssicherheit.

Das reduziert typische Pain Points vieler Unternehmen: gewachsene Skripte, schwer wartbare Integrationen, Abhängigkeit von einzelnen „Power Usern“ oder Dienstleistern.

 

Agentische Systeme: Wenn Software Ziele verfolgt

Agentische KI bedeutet, dass Systeme eigenständig Ziele verfolgen, Entscheidungen treffen und mehrstufige Aufgaben ausführen. Oft mit Zugriff auf externe Tools, Datenquellen und APIs. Sie planen, handeln, prüfen Ergebnisse und passen ihr Vorgehen an. Teilweise in Multi-Agent-Architekturen, in denen spezialisierte Agenten zusammenarbeiten.

Beispiele aus der Praxis:

  • Automatisierte Rechnungsanalyse und Supply-Chain-Auswertungen, die früher Wochen manueller Arbeit gekostet haben.
  • 24/7 Service-Agenten, die einen hohen Anteil standardisierter Kundenanfragen eigenständig bearbeiten.  
  • Mehrstufige Marktrecherche mit automatischer Datensammlung, Auswertung und Aufbereitung für Management-Entscheidungen.


Der Unterschied zur klassischen Automatisierung ist deutlich:

  • Automatisierung folgt vordefinierten Schritten und Regeln.  
  • Agentische Systeme arbeiten zielorientiert, nutzen Tool-Using, Planning und Feedback-Loops, um eigenständig Entscheidungen zu treffen und Pläne zu iterieren.


Diese Autonomie steigert sowohl Potenzial als auch Risiko:

  • Potenzial: Deutliche Effizienzgewinne, neue digitale Services, Entlastung von Routinearbeit.  
  • Risiko: Halluzinationen, Fehlentscheidungen, unerwartete Seiteneffekte, höhere Anforderungen an Sicherheit, Compliance und Kostensteuerung.

AI-Autonomie-PfadDie Grafik macht diese Entwicklung sichtbar: Von einfachen GenAI-Features über KI-gestützte Workflows bis hin zu autonomen Agenten. Mit jedem Schritt steigt nicht nur der Mehrwert, sondern auch der Anspruch an Steuerung und Verantwortlichkeit.

 

Verantwortung, Governance und Risiko: Wer bleibt „in Charge“?

Mit wachsender Autonomie der Systeme stellt sich nicht mehr nur die Frage, was technisch möglich ist, sondern was verantwortbar und steuerbar bleibt.

Ein zentraler Punkt:  Fähigkeit ist keine Legitimation. Nur weil ein System etwas kann, heißt das nicht, dass es das im konkreten Unternehmenskontext tun sollte.

Zwischen Nutzenversprechen und Risiko entsteht ein Spannungsfeld:

  • Effizienzgewinne und Skalierung auf der einen Seite  
  • Kontrollverlust, Intransparenz und Verantwortungsdiffusion auf der anderen.


Gerade im DACH-Raum, wo Haftung, Revisionssicherheit und Auditierbarkeit ernst genommen werden, braucht es klare Antworten auf drei Fragen:


1. Welche Entscheidungen dürfen (teil-)automatisiert werden und welche bleiben zwingend in Menschenhand?  
2. Wo wird der Mensch aktiv in den Prozess eingebunden (Human-in-the-Loop), und wo überwacht er eher (Human-on-the-Loop)? 
3. Wie stellen wir sicher, dass bei Fehlfunktionen nachvollzogen werden kann, was passiert ist? Inklusive Daten, Modellversion, Parametern und getroffenen Aktionen?

Für CIOs, CISOs und Risikomanagement bedeutet das:

KI-Governance, Risikosteuerung und Compliance rücken technisch nah an Architektur- und Plattformentscheidungen heran. Sie lassen sich nicht mehr in nachgelagerte Gremien auslagern.

 

Was Unternehmen 2026 konkret angehen sollten

Um von Experimenten zu verantwortungsvoller Automatisierung zu kommen, braucht es eine pragmatische Roadmap statt weiterer Leuchtturmprojekte.

1. Prozesse identifizieren, die sich rechnen  
   Fokus auf Abläufe mit hohem Volumen, klaren Regeln und wiederkehrenden Aufgaben: Dokumentenklassifikation, Ticket-Priorisierung, Standardfreigaben, Monitoring- und Reporting-Prozesse.
   Wichtig: Business-Nutzen und Komplexität ehrlich bewerten.

2. Mit Low-Risk-Use-Cases starten  
   Einstieg über GenAI als kognitiven Layer in vorhandenen Workflows: etwa Vorschläge, Prüfungen oder Priorisierungen, die von Menschen freigegeben werden.  
   So sammeln Teams Erfahrung mit GenAI und Plattformen wie n8n, ohne sofort volle Autonomie zu vergeben.

3. Orchestrierung, Governance und Betrieb von Anfang an mitdenken  
   Workflows so modellieren, dass Kontrollpunkte, Rollen und Eskalationswege technisch verankert sind.
Visuelle Workflow-Plattformen helfen, IT, Fachbereiche und Compliance an einen Tisch zu bringen. Analog        zu DevOps entstehen Rollen und Prozesse für Monitoring, Incident-Handling, Modell-Updates und Audits.
So bleibt das Unternehmen auch bei wachsender Autonomie „in Charge“.

SDLC-AIdriven-Development-V1-XXUnsere Visions-Grafik zeigt: Mit agentischen Systemen entsteht ein neuer Betriebsbedarf – vergleichbar mit DevOps, nur eben für KI. Agenten müssen überwacht, begrenzt, auditiert und erklärbar gemacht werden. Governance wird damit zu einer technischen Disziplin: Logs, Kontrollpunkte, Rollenkonzepte und Abschaltmechanismen sind keine „Add-ons“, sondern Kernbestandteile der Architektur.

 

Fazit: Vom Hype zu tragfähigen Entscheidungen

2026 ist für Unternehmen kein weiteres „KI-Jahr“, sondern ein Jahr der Weichenstellungen. GenAI, Workflows und agentische Systeme sind reif genug, um produktiv echten Mehrwert zu liefern – aber nur, wenn sie in gut gestaltete Prozesse, Architekturen und Governance-Strukturen eingebettet werden.

Wer jetzt handelt,

  • integriert GenAI als kognitiven Layer in bestehende Systemlandschaften,  
  • nutzt Plattformen wie n8n, um Prozesse steuerbar und auditierbar zu automatisieren,
  • setzt agentische Systeme dort ein, wo Ziele klar sind und Guardrails definiert werden können,
  • und verankert Verantwortung, Kontrolle und Risikomanagement in der technischen Architektur.


Aus vielen einzelnen KI-Experimenten entsteht so eine verantwortungsvolle Automatisierung, die zum Geschäftsmodell, zur Unternehmenskultur und zu den regulatorischen Rahmenbedingungen passt.