Featuritis ist heilbar – Der effektive Weg von der Idee zum nutzerfreundlichen Feature

21. Dezember 2022 von Michael Englbrecht

Wenn eine Idee für eine neue Funktionalität im Kopf heranreift, beginnt oft die Phase der Spezifikation. Viel Mühe und Zeit fließen dann in ausführliche Dokumentationen, um die neue Funktionalität festzuhalten.  Trotz all der Sorgsamkeit wird doch häufig etwas Wichtiges vergessen oder vom Entwicklerteam missverstanden. Daraus folgen Mehrkosten durch Änderungsanfragen und eine zeitliche Verschiebung bis zum Erreichen der optimalen User Experience (UX) des neuen Features. Diese Featuritis, also das Einbauen von immer mehr Funktionen und Wünschen im Nachgang, steht jedoch einer effektiven Zielerreichung im Weg.

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Die richtigen Wege gehen durch Kaizen (© eXXcellent solutions)

Im Rahmen unserer Blogreihe zu User Centered Design befassen wir uns mit den Potenzialen nutzerorientierter Entwicklungen. Dabei lassen sich die Prinzipien von Kaizen anwenden, einer japanischen Methode des Lean Managements. Während wir uns im vorherigen Beitrag auf das “Kai” (kontinuierliche Veränderung) konzentriert haben, beschäftigt sich dieser Artikel mit dem “Zen” (zum Besseren). Dabei setzen wir an den Startpunkten unserer Entwicklungsetappen an,  mit der Fragestellung: Wie können wir das oben beschriebene Problem schon im Ansatz vermeiden? Indem wir Kunden und Entwicklerteam in ein Boot setzen. 

Wieso? 

  • Um lange asynchrone Dokumentationsarbeiten durch synchrone und zielführende Kommunikation mit Entwickler:innen und Nutzer:innen zu ersetzen.
    So kommen Missverständnisse erst gar nicht auf oder können schnell gelöst werden. 
  • Um Entwicklerteams und Kunden zu motivieren.
    Können sich diese wichtigen Personengruppen aktiv an der Entwicklung der Lösung beteiligen, sind sie engagierter und identifizieren sich mit dem neuen Produkt. Diese aktive Beteiligung führt zu besseren Lösungen als eine isolierte Anforderungsspezifikation und -gestaltung im Vorfeld.
  • Um komplexe Lösungen nicht nur durch die Konsultation eines Experten, sondern durch die Einnahme mehrerer Standpunkte zu lösen.
    Durch das Einbeziehen verschiedener Nutzergruppen aber auch Individuen können wir sicherstellen eine objektiv allgemeingültige und keine subjektiv optimale Lösung zu entwickeln.
  • Um die Annahmen, die wir über die Nutzenden treffen (Arbeitsweise, Alltag, …) und auf dessen Basis unsere Entscheidungen liegen, frühestmöglich zu validieren.
    Durch Interaktion mit den Endnutzern lernen wir über deren Alltag und Herausforderungen, aus denen wir wichtige Erkenntnisse über die Nutzungsmotivation und Arbeitsweise mit unserem System ableiten können.

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Von ich zu uns – Verschiedene Perspektiven helfen (© eXXcellent solutions)

Sind alle an Bord? Dann kann's losgehen! 

Um die Interaktion zwischen Entwicklerteam und Kunden effektiv zu gestalten, ist es wichtig das komplette Team auf denselben Wissensstand zu bringen. Dies erreichen wir, indem wir zunächst gemeinsam klären, was wir als Team wissen, was wir nur annehmen und was wir nicht wissen. Mit Hilfe situationsgeeigneter agiler und nutzerzentrierter Methoden werden im Team Annahmen über die Nutzerbedürfnisse identifiziert und daraus erste mögliche Teil-Features erarbeitet. Diese werden in Minimal Viable Products (MVPs) umgesetzt, also einer Minimalversion der Anwendung, wobei je nach Situation ein anderer Detailgrad gewählt wird (low / high fidelity). Durch gezielte Umfragen und frühe Berührungspunkte mit diesen MVPs stellen wir sicher, dass die Nutzenden schon früh Feedback zu den hergeleiteten Features geben können. Dieses Vorgehen ermöglicht unserem Team die Annahmen über die Kunden, deren Wünsche und Bedürfnisse mit realem Feedback der Kunden abzugleichen. Nur so können wir die Nutzenden – ihre Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse – empathisch verstehen und mit unseren Annahmen abgleichen. 

Aus Annahmen wird Wissen 

Oftmals führt dieser Abgleich zu unvorhergesehenen und überraschenden Informationen. Diese Erkenntnisse liefern neue Sichtweisen auf das geplante Produkt. Durch die Integration der Entwickler:innen in die Planungsphase können sie die Erkenntnisse direkt in Code gießen und schnell einen angepassten MVP liefern. Auf diese Weise investieren wir nur in die Richtung, aus der wir positives Feedback von den Nutzenden bekommen. Ideen, die bei den Nutzer:innen keinen Anklang bekommen, werden nicht weiterverfolgt.

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Effektiv zum Produkt – Einarbeitung von Erkenntnissen führen zu einer passgenauen Lösung (© eXXcellent solutions)

Als Folge der Zusammenarbeit mit Entwicklern und Kunden wird das gewünschte gemeinsame Verständnis der Nutzerwünsche aufgebaut. Der daraus resultierende Konsens ermöglicht eine schnellere Iteration, eine echte Beteiligung an der Produktentwicklung und die Teilnahme des Teams am kontinuierlichen Validieren und Adaptieren. Gemeinsame Entscheidungsfindung und ein einheitlicher Wissensstand machen eine umfangreiche Dokumentation überflüssig. So werden weniger Zeit und Ressourcen für ein potenziell unbefriedigendes Produkt verschwendet. Wir entwickeln also gemäß Kaizen und erhalten kontinuierlich ein besseres Produkt.

Noch nicht überzeugt?

In einem unserer Projekte wurde das oben beschriebene agile und nutzerzentrierte Vorgehen gemäß Kaizen nicht nur angewandt, sondern auch wissenschaftlich evaluiert. Dieses Vorgehen wurde mit der chronologischen Abfolge eines fertig formulierten Pflichtenheftes und das anschließend beginnende Umsetzen der einzelnen Features verglichen. Dazu wurde der benötigte Zeitaufwand des nutzerzentrierten Arbeitens und der Umsetzung, dem Zeitaufwand für die Erstellung des Pflichtenheftes und der Schätzung der Umsetzung in Personentagen gegenübergestellt. Die benötigte Zeit für die Umsetzung des gewünschten Features konnte signifikant gesenkt werden.  

Diese enorme Zeit- und somit Kostenersparnis geht nicht auf ein effizienteres, sondern auf ein effektiveres Arbeiten zurück. Es mag effizient sein, davon auszugehen, dass wir die gewünschten Ergebnisse erreichen, aber die Planung der zukünftigen Arbeit ist nicht sehr nützlich, wenn unsere Annahmen falsch waren. Wir müssen, wie bereits beschrieben, die besten agilen Methoden und das User Experience Design zusammenbringen, um sicherzustellen, dass wir genau das Produkt herstellen, das unsere Kunden wollen. Es geht also nicht darum, den gleichen Produktumfang schneller zu entwickeln, sondern darum, zu erkennen, was tatsächlich benötigt wird.
Kurz gesagt: Die Entwicklungszeit verkürzt sich durch den nicht-produzierten Abfall.

Weitere Informationen:

Haben Sie Fragen zu diesem Thema?

Schreiben Sie mir gerne eine E-Mail. Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme!

emailmichael.englbrecht@exxcellent.de

 

Oder informieren Sie sich auf unserer Website über unsere Kompetenzen im Bereich User Centered Design:

bubble-chat-information-2-1Ihr Unternehmen – Ihre Nutzer

bubble-chat-information-2-1Die SAP User Experience (UX)

 

Über die Autorin und den Co-Autor:

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Veronika Ansorge:

Die Autorin Veronika Ansorge ist Software Engineer bei der eXXcellent solutions in Ulm. Seit 2020 ist sie als Beraterin und Entwicklerin im Bereich SAP und Web tätig. Weitere Schwerpunkte liegen in der Mensch-Computer-Interaktion und im agilen Entwickeln.

 

Michael-Englbrecht

 

 

Michael Englbrecht:

Co-Autor Michael Englbrecht ist Portfolio Manager SAP bei der eXXcellent solutions in Ulm. In seiner 20-jährigen Berufserfahrung im SAP-Bereich begleitete er viele Projekte bei der Umsetzung eigener UX-Konzepte und der Implementierung von SAP Fiori in der Organisation und der IT-Abteilung. Er ist Autor zahlreicher Bücher, die beim Rheinwerkverlag (SAP Press) veröffentlicht wurden und werden und er ist Autor des Buch SAP Fiori und SAP Schnittstellenprogrammierung.

 

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